Boeßneck-Meyer-Haus am Scherbergplatz (Foto: S.Dämmler)
Boeßneck-Meyer-Haus am Scherbergplatz (Foto: S.Dämmler)

Kaum ein anderes sächsisches Denkmal ist in den letzten Monaten so durch eine Achterbahnfahrt getrieben wurden, wie die Palla in Glauchau. Bisher konnte kein Käufer gefunden werden, so verkündete die Stadt Glauchau im Mai 2019 nun die plötzliche Beantragung von Abrissfördergeldern aus dem europäischen EFRE-Fördertopf IBE gemäß eines Stadtratsbeschlusses aus dem Jahr 2013! Ursache ist das Auslaufen der EFRE-Fördermöglichkeiten für eine erhebliche Kostenübernahme von bis zu 80% durch die Europäische Union im Jahr 2020. Es ist der Tiefpunkt. Übereilt will die Stadt eines der stadtbildprägendsten Gebäude in Glauchau abreißen lassen. Die Palla, als markanter Industriebau am Tor zur Innenstadt vom Bahnhof aus kommend, steht für die Industriegeschichte der ehemaligen Webereistadt wie kein zweites Gebäude. Im ehemaligen Textilrevier Westsachsen, mit seinen Webereistädten Meerane, Crimmitschau, Werdau, Kirchberg uvm. nimmt dieser Bau in Größe, Stilistik und historische Bedeutung eine Ausnahmestellung ein. An vielen Orten der Stadt wurden aus architektonisch und historisch wertvollen Industriebauten umzäunte Wiesen geschaffen, bestenfalls eine Eigenheimsiedlung von unproportionierten und formlosen Häusern, dies hat man nun auch mit diesem Prachtbau des Neoklassizismus vor. Ein Abriss wäre nicht nur eine Schande für die Selbstdarstellung einer ganzen Stadt, sondern auch ein Identitätsverlust für den Freistaat Sachsen.

Ernst-Seifert-Haus auf der Otto-Schimmel-Straße (Foto: S.Dämmler)
Ernst-Seifert-Haus auf der Otto-Schimmel-Straße (Foto: S.Dämmler)

Der Gebäudekomplex „Palla“ in Glauchau hat nicht nur seine eigene Geschichte geschrieben, sondern strahlt bis heute auf die ganze Region aus. Der im Neoklassizismus errichtete Bau gehört zu den größten und architektonisch wertvollsten Industriebauwerken in Sachsen. Eine enorme Detailtiefe zeichnet die beiden Haupthäuser Seifert sowie Boeßneck & Meyer aus und verdeutlicht in einer inzwischen seltenen plastischen Art die wirtschaftliche Bedeutung, welche die Textilindustrie einst in und um Glauchau hatte. Das Gebäude ist damit für die alte Industriestadt stadtbildprägend und bildet einen Identitätskern einer ganzen Region. Dieses Industrieschloss hat Seltenheitswert und wird nicht noch einmal so gebaut werden. Als eingetragenes Baudenkmal sollte es im öffentlichen Interesse sein, ein derartiges Zeugnis der Industrialisierung zu bewahren. So rechtfertigt weder ein Platzbedarf noch die Substanz den Abriss des Denkmals nach sächsischen Denkmalschutzgesetz. Aufgrund der in der Vergangenheit durchgeführten Sicherungsmaßnahmen befinden sich Fenster, Fassade und Dach in einem vergleichsweise guten Zustand und bilden damit eine gute Grundlage für eine mögliche Sanierung.

Eingangshalle Boeßneck & Meyer           (Foto: S.Dämmler)
Eingangshalle Boeßneck & Meyer (Foto: S.Dämmler)

Einige Stadträte argumentieren mit den jährlichen Unterhaltungskosten für die Sicherungen des Gebäudekomplexes. Ein Abriss des Gebäudes sollte jedoch hierfür nicht die Lösung sein, da die Bausubstanz noch vergleichsweise gut erhalten ist und eine Nachnutzung des Gebäudes daher gut möglich ist. Des Weiteren sollte im Interesse der Stadt Glauchau und den Bürgern der Region sein, dieses Baudenkmal zu erhalten und gezielt sowie professionell einer neuen Nutzung zu überführen.  Neben der Suche nach einem neuen Investor/Eigentümer sind dabei auch Optionen zu prüfen, wie die Stadt Glauchau als Eigentümer das Grundstück selbst bewirtschaften kann oder Pachtverträge abgeschlossen werden. Zwischennutzungen sowie Veranstaltungen lassen den Blick auf die Palla überregional ausweiten und können Marketingeffekte für die Stadt Glauchau erzeugen, wie es das Beispiel der Baumwollspinnerei Flöha unter Beweis stellt. Aus dem Fördergebiet Scherberg (SSP) sowie Fördertöpfen wie LEADER (bis 2020) und Industriekulturfördermittel der Kulturstiftung Sachsen sowie dem Kulturraum Vogtland-Zwickau lassen sich neben den klassischen Zuschüssen (Bsp. Denkmal-AfA) weitere finanzielle Unterstützungen generieren. Im Stadtentwicklungskonzept INSEK Glauchau 2030+ heißt es dazu: „Zeugnisse der Industriekultur, die stark stadtbildprägend wirken, wie beispielsweise die ehemaligen Verwaltungsgebäude der Textilwerke Glauchau und der Palla Textilfabrik sind besonders schützenswert und müssen eingehend sowie zielgerichtet auf Chancen zu deren Erhalt überprüft werden. Gegebenenfalls sind dann Zwischennutzungen zu ermöglichen.“ (INSEK Glauchau 2030+, S.65). Des Weiteren besteht im Rahmen der vorhandenen Fördermöglichkeiten die Option, sich auch ein entsprechendes Nutzungskonzept fördern zu lassen und damit für Investoren die Einstiegsbarrieren zu senken und fachlich fundierte Nachnutzungen aufzuzeigen

 

Der Erhalt der Palla stellt nicht nur ein kommunales Interesse, sondern sollte im Willen des ganzen Freistaat Sachsen stehen. 2020 feiert Sachsen mit der 4. Sächsischen Landesausstellung und dem „Jahr der Industriekultur“ seine eigene Industriegeschichte und Identität als älteste deutsche Industrieregion. Zentrum ist das nur wenige Kilometer entfernte Zwickau. Unter der Aufmerksamkeit dieses internationalen Medienereignisses ist ein Abriss der Palla, als national bedeutsames Industriedenkmal, durch die kommunale Hand nicht vertretbar und eine kulturelle Selbstverstümmelung. Die Palla hat eine Zukunft und für diese müssen alle Beteiligten an einem Strick ziehen, damit Sachsen, damit Deutschland ein Bauwerk erhalten bleibt, was wie kein zweites für das industrielle Schaffen der Sachsen steht. Glauchau ist die Palla und die Palla ist Glauchau.

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