Das Ende des Zweiten Weltkrieges bringt für Deutschland grundlegende Veränderungen mit sich. Das Land verliert einen großen Teil seiner Fläche, sehr viel Industriekapital und zudem folgt eine Aufteilung in 2 Hälften mit 4 Besatzungszonen. Es sind zwei Hälften mit zwei grundverschiedenen Ideologien; zwei Weltanschauungen. Während im westlichen Deutschland unter dem Einfluss der USA eine kapitalistische Republik auf dem Gerüst einer freien Marktwirtschaft entsteht, wandelt sich der Osten des Landes unter dem Einfluss der Sowjetunion zu einer sozialistischen Republik auf dem Gerüst einer, nach Vorbild der UdSSR, erschaffenen Planwirtschaft. So ist man im Westen bemüht  den wirtschaftlichen Zustand von 1929 wieder zurück zu rekonstruieren. Der Osten dagegen geht einen vollkommen anderen Weg. Ab 1945 beginnt in der Osthälfte der Aufbau eines für Mitteleuropa neuen wirtschaftlichen Systems, die sozialistische Planwirtschaft durchdringt in den Folgejahren alle kulturellen und industriellen Schichten einer neu erschaffenen Gesellschaft.

Mit Beschluss der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD) beginnt die Rote Armee der Sowjetunion aus den ostdeutschen Unternehmen ab Juni 1945, unter dem Mantel der Reparationsleistungen, diese regelrecht auszuschlachten. Maschinen, Förderanlagen und wichtige Dokumente verlassen die Betriebe und sollen in der Sowjetunion eine neue Bestimmung erlangen. Die Unternehmen bluten mit diesem Prozess regelrecht aus, nicht wenige verlieren durch diese Reperationsanspruch der Sowjets bis zu 100 % des Maschinenparks, ein wirtschaftlich enorm hoher Verlust, bei dem an eine Wiederaufnahme der Produktion oftmals nicht zu denken ist. Aber es sind nicht nur die Maschinen, unzählige Fachkräfte, Ingenieure und sehr häufig auch Führungspersonen  werden in die UdSSR verschleppt oder flüchteten in den Westen von Deutschland, um in einem liberaleren Westdeutschland einen Neuanfang zu wagen.

Als weiteren Fakt kommt die Problematik hinzu, dass das Deutsche Patentamt zu dieser Zeit in München liegt und somit in der amerikanischen Besatzungszone. Über Nacht verlieren damit hunderte Unternehmen in Ost und West ihre Innovationen und Entwicklungen an die USA. Der dadurch entstandene Schaden für die ostdeutsche Industrie ist immens und ist bis heute wohl nicht ganz bezifferbar. 

VEB NARVA Plauen (Quelle:Deutsche Fotothek)
VEB NARVA Plauen (Quelle:Deutsche Fotothek)

Ab 1946 wird in Ostdeutschland der Aufbau des Sozialismus konsequent vorangetrieben, die alte Gesellschafts- und vor allem Wirtschaftsordnung verliert immer mehr an Bedeutung und soll durch neue Struktureigenschaften an das neue politische System angepasst werden. Es folgt eine Umgestaltung der Besitzverhältnisse. Im April 1947 wird die Bodenreform beschlossen und damit der erste Schritt in Richtung eines neuen Wirtschaftssystems gemacht.

Jeder Grundbesitz über 100 Hektar ist entschädigungslos zu enteignen und in einen staatlichen Bodenfonds einzubringen. Aus diesem Fonds erhalten Kleinbauern, Flüchtlinge und Landlose neue Flächenzuweisungen von bis zu 5 Hektar. Der Großgrundbesitz, gerade in den ehemalig preußischen Regionen sehr autoritär geprägt, wird damit sozialistisch an ärmere Bürger aufgeteilt werden. Das dies aber in der Folgezeit zu größerer Armut und Versorgungsengpässen führt, ist zu diesen Zeitpunkt aber noch nicht abzusehen. Großbauern, die sich gegen diese Enteignung stellen, werden im extremsten Fall auf die Insel Rügen verbannt. Allein in Sachsen liegt 1946 die enteignete Fläche bei ca. 315.000 Hektar.

Ein ähnlich konsequentes Vorgehen zeigt sich in den Folgejahren in der Industrie. Fritz Selbmann, welcher als Gründervater des DDR-Wirtschaftssystems zählt, propagiert mit der Partei KPD bereits schon sehr früh die Verstaatlichung der Wirtschaft. Das eigens eingeführte „Amt für Betriebsneuordnung“ soll diese Mammutaufgabe regeln. Den Ausgangspunkt für diese Verstaatlichung bilden ca. 3000 Betriebe, dessen Eigentümer geflohen sind oder inhaftiert wurden, es sind sogenannte „herrenlose“ Betriebe. Den ersten Dominostein bildet 1945 die Enteignung des mächtigen Flick-Konzerns, der größte Hüttenverbund in Mitteldeutschland. Im Oktober 1945 erläßt die SMAD die Sequesterbefehle Nr. 124 & 126. Sie sind die rechtliche Grundlage zu den Enteignungswellen und beinhalten praktisch alle Großbetriebe in der SBZ. Die Unternehmen werden beschlagnahmt und der jeweiligen Landesverwaltung untergestellt. Es wird hier in 2 Listen sortiert: Liste A beinhaltet alle zur Enteignung vorgesehene Betriebe; Liste B beinhaltet die an die Besitzer zurückzugebenen Betriebe. In einer geheimen dritten Liste (Liste C) werden alle Betriebe eingeordnet, wo allein die Besatzungsmacht, (die SMAD) über deren Schicksal entscheidet.

'Volkseigen' am ehemaligen VEB Roter Färber Hartmannsdorf
'Volkseigen' am ehemaligen VEB Roter Färber Hartmannsdorf

Um diese Enteignungen auch vor dem Volk zu legitimieren, kommt es am 30. Juni 1946 zum Volksentscheid. Bei diesem wird über die Enteignung von „Nazi- & Kriegsverbrechern“ abgestimmt, eine beachtliche Summe von 77,6 % stimmt für den Entscheid, betroffene Personen sind nicht stimmberechtigt. Alle Betriebe werden auf diese Art gleichgestellt und damit auch eine große Zahl zu unrecht bestraft. Das komplette betriebliche Eigentum, sowie noch vorhandenes Vermögen werden in Volkseigentum überführt und die Betriebe einem Betriebsdirektor unterstellt.

Um diesen neuen Prozess der Besitzumwandlung auch nach Außen hin sichtbar zu machen, verschwinden die alten ehrenwerten Firmenname von den Fassaden der Fabriken und werde durch den neuen Namen, meist eine Kombination aus „VEB“ (Volkseigener Betrieb) + „Namen sozialistisch/Kommunistischer Personen“ / „Geografische Sinnbilder“ / „Erzeugnissbereich“ + „den ansässigen Ort der Fabrik“ ersetzt.

Es ist ein sehr denkwürdiger Augenblick, viele Fabrikanten müssen diesen Prozess mit verfolgen und bekommen den Lohn ihrer Arbeit aus den Händen entrissen. Nicht wenige kehren darauf Ostdeutschland für immer den Rücken. So sind es sehr viele Firmen, gerade aus der Textilindustrie und dem Maschinenbau, welche sich in Westdeutschland neu ansiedeln und damit einen wichtigen Beitrag am „Wirtschaftswunder West“ leisten. Traditionsreiche Namen, wie „Wieland Auerbach“, „Pittler Leipzig“ oder „Wanderer-Werke Chemnitz“, verschwinden für immer aus dem Leben der Städte und Gemeinden, es ist ein Umbruch in der Ära der ostdeutschen Industriegeschichte.

Um die Produktionen zu rationalisieren sowie Verwaltung und Entwicklung einem Zentralisierungsprozess zu unterziehen, werden in den Folgejahren viele Betriebe mit anderen Betrieben des gleichen Produktionsgutes zu einem Großbetrieb vereint. Es ist bereits die erste Vorstufe der späteren Kombinatsbildung in der DDR-Wirtschaft. Schnell kommt es so auch zu der Erscheinung, dass ein Großbetrieb wie der „VEB GREIKA Greiz“, größter Kammgarnverarbeiter in der DDR, bis zu 20 Betriebsteile, über eine breite geografische Fläche verteilt, von mehreren Spinnereien, Webereien über Färbereien bis hin zu Entwicklung und Absatz, aufweist.

1972 werden, von der SED veranlasst, die letzten privaten und genossenschaftlichen Betriebe enteignet. Das Vorgehen ist in dieser Zeit bereits etwas sanfter geworden. Für einen symbolischen Preis werden die Betriebe vom Staat aufgekauft und unter seine Verwaltung gestellt. Oftmals waren sie bereits vorher in halbstaatlicher Führung. Doch damit verschwinden auch die letzten privaten Unternehmen und die Planwirtschaft erlangt ihre komplette wirtschaftliche Durchdringung. Die Betriebe sind rechtlich gesehen Eigentum des Volkes, doch dieses Sinnbild trifft oftmals nicht zu, es wird die Praxis es zeigen.

Die Verstaatlichung aller Unternehmen bildet den ersten Absatz der Planwirtschaftsstrukturierung in der DDR. Mit dem Ende des Prozesses geht die Bildung der Kombinat Anfang der 1970er Jahre einher. So umfassend und aufwendig die Umwandlung des privaten Firmenbesitzes in Volkseigentum ist, stellt sich selbige große Hürde in der umgekehrter Laufrichtung nach dem Jahr 1990 mit der Rückübertragung an die alten Besitzer. Doch eine komplette Entflechtung dieser gewachsenen Betriebsstrukturen ist meist nicht mehr möglich und ein Verkauf oftmals die einzige juristische Möglichkeit um Besitzfragen zu klären. Die genaue Zahl der enteigneten Unternehmer durch die DDR-Wirtschaftspolitik ist bis heute nicht bekannt, sie wird im Bereich von mehreren Tausend liegen. 

 

von Basti Dämmler - 5. Mai 2016

"VEB"-Logo an der ERMAFA Maschinenfabrik Chemnitz
"VEB"-Logo an der ERMAFA Maschinenfabrik Chemnitz
"Volkseigen" an der ehemaligen Färberei Hartmannsdorf
"Volkseigen" an der ehemaligen Färberei Hartmannsdorf



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