Bauzeit: 1960 - 1962


Entwurf: Karl Uhlmann & Gerhard Pomper (Statik)
 (VEB Hochbauprojektierung Aue)

Bauart: Monolithische Stahlbetonkonstruktion mit Vollwand-Stahlbinderträger


Turmhöhe: 42 Meter


Baustil: Brutalismus
Typ: K75


Betrieb: 1962 - 2000

 

 

Teil I – Geschichte der Erzgebirgsschanze


Die Geschichte des Skispringens in Johanngeorgenstadt reicht bis in die 1920er Jahre zurück. Mit der Hans-Heinz-Schanze entstand 1923 eine der bedeutendsten Skisprungschanzen Deutschlands, die zahlreiche Wettkämpfe und tausende Zuschauer anzog. Sie war ein Symbol für den sportlichen Aufbruch im Erzgebirge und verankerte Johanngeorgenstadt fest in der deutschen Wintersportgeschichte.

Zur damaligen Zeit galt diese als die größte Skisprungschanze von Deutschland, der Schanzenrekord lag bei 80 Meter. 

Nach dem Einsturz der Hans-Heinz-Schanze im Jahr 1956 ,welche kurze Zeit von der Wismut unterhalten wurde, begann man ab 1960 die heutige Erzgebirgsschanze auf dem Erzgebirgskamm zu errichtet. Der Neubau mit 42 Meter hohen Anlaufturm setzte auf modernen Stahlbeton in Gleitschaltechnologie und nutzte teilweise Konstruktionselemente aus dem nahen Uranbergbau, was die enge Verbindung zwischen regionaler Industriegeschichte und Sport verdeutlicht. Architektur war Karl Uhlmann mit dem Ingenieur Gert Pomper, beide realisierten wenige Jahre zuvor bereits die berühmte Aschbergschanze in Klingentahl. 1962 wurde die Schanze feierlich eingeweiht und galt als Meilenstein in der DDR-Sportbautengeschichte. 

Während der DDR-Zeit diente die Erzgebirgsschanze als wichtige Trainings- und Wettkampfstätte. Zahlreiche Nachwuchssportler wurden hier ausgebildet und die Anlage war Teil des staatlichen Leistungssportsystems, der in Johanngeorgenstadt mit einem eigenen Stützpunkt durch die SG Dynamo unterhielten wurde. Weitere Jugendschanzen ergänzten in den 1970er und 80er Jahren das Portfolio vor Ort und machten den Ort zu einem Ankerpunkt des Skispringen in der DDR, einer der erfolgreichsten internationalen Nationen. 
Nach 1990 wurde der Betrieb der Schanze aufrecht erhalten und in den die Schanzenanlage nochmal modernisiert. Erst mit Änderung der FIS-Richtlinien, Grundstücksstreitigkeiten und mehr kam 2000 das Nutzungsaus für die Erzgebirgsschanze. Seither steht sie als Landmarke ohne Denkmalstatus, Nutzung und Konzept über die Baumkronen des Erzgebirgskamm. 

Teil II – Bauhistorische Einordnung

 

Die Erzgebirgsschanze Johanngeorgenstadt spiegelt einen entscheidenden bauhistorischen Entwicklungssprung im Skisprungschanzenbau wider. Mit dem monolithischen Stahlbetonanlaufturm löst sie sich von den Holzkonstruktionen vorangegangener Jahrzehnte und setzt auf ein hoch entwickeltes Zukunftsmaterial. Die Errichtung des 42 Meter hohen Anlaufturms in Gleitschalung abseits jeglicher Infrastruktur war ein ingenieurtechnisches Kunststück; der Einbezug von Häftlingen beim Bau der Schanze verweist zugleich auf die politischen Rahmenbedingungen jener Zeit. In der gesamten DDR wurden nur drei Skisprungschanzen dieser Konstruktion realisiert, von denen nach dem Verlust der Aschbergschanze in Klingenthal nur noch jene in Oberhof und Johanngeorgenstadt erhalten sind. Der Freistaat Thüringen hat die Schanze in Oberhof bereits unter Denkmalschutz gestellt, welche die Formenpalette der 1950er Jahre repräsentiert.
Die Architektursprache der Gesamtanlage mit Schanze und Punktrichterturm ist dem Brutalismus zuzuordnen. In dieser Tradition ist die Erzgebirgsschanze ein Frühwerk dieser Stilistik. Der Brutalismus war ein Baustil, der neue Gestaltungsansätze der Nachkriegszeit mit den Gesellschaftsvisionen der 1960er bis 1980er Jahre verschmolz. Er verleiht dem Baustoff Beton neue Form- und Ausdrucksmöglichkeiten. Durch noch fehlende Aufarbeitung und Aufklärung sind die meisten Bauwerke dieser Gattung akut bedroht. Die Erzgebirgsschanze zeigt dabei einen durchdringenden Gestaltungswillen mit großer handwerklicher Qualität. Bauwerke dieser Art sind in Sachsen nur in geringer Zahl vorhanden; die Erzgebirgsschanze ist wohl der prägendste verbliebene Vertreter dieser Gattung im Freistaat.

 

Teil III - Ausblick

 

Die Erzgebirgsschanze Johanngeorgenstadt ist weit mehr als ein stillgelegtes Sportbauwerk. Sie ist ein identitätsstiftendes Wahrzeichen der Stadt und ein bedeutendes Zeugnis regionaler Kultur- und Sportgeschichte. Ihr Erhalt ist aus mehreren Gründen von großer Bedeutung.
Als Ort des kollektiven Erinnerns steht die Schanze für Generationen von Sportlern, Zuschauern und Ehrenamtlichen. Gleichzeitig ist sie ein markantes Element im Stadtbild und besitzt hohes Potenzial für eine touristische und kulturelle Nachnutzung.
Durch eine behutsame Sanierung könnte die Erzgebirgsschanze als Aussichtspunkt, Sportort, Museum oder Veranstaltungsort genutzt werden. Ein solches Konzept würde nicht nur die Geschichte bewahren, sondern auch neue wirtschaftliche Impulse für die Stadt und die Region setzen, Menschen an den Erzgebirgskamm ziehen und als Ankerpunkt für eine weitere touristische Entwicklung dienen – mit einer in Deutschland einzigartigen räumlichen Komposition.
Der Erhalt der Schanze ist zudem ein Zeichen der Verantwortung gegenüber der eigenen Geschichte und der in ihr gebundenen „grauen Energie“. Statt Abriss und Vergessen braucht es Engagement, Zusammenarbeit und den Mut, historische Bauwerke neu zu denken und sie aus der Nutzungslücke zu holen. Der Denkmalstatus ist kein Hindernis für das Bauwerk, er ist eine Chance, über breite Strukturen und Netzwerke die Umnutzung nicht nur technisch, sondern auch finanziell zu stemmen. Mit gemeinsamer zielorientierter Arbeit kann aus der Erzgebirgsschanze Johanngeorgenstadt ein Ort der Zukunft werden.

Historische Bilder

Aktuelle Bilder

Visionen #ERZJGS

Ideen & Konzepte für die Neunutzung der ehemaligen Schanzenanlage Erzgebirgsschanze Johanngeorgenstadt unter Nutzung der Baukörper und Erhalt der Gesamtanlage. Eine Mischnutzung in Abstimmung mit den Wintersportverein Johanngeorgenstadt als Nutzer der Jugendschanzen ist anzustreben. 

Museum & touristische Nutzung.

Im ehemaligen Punktrichterturm. Mini-Unterkunft trifft lebendiges Sport- und Architekturmuseum mit besten Ausblick auf die Gesamtanlage.

Aussichtsturm

Glasplattform im Anlaufturm entsprechend der Erhaltung der Formensprache nach Denkmalschutz. Höhster Punkt über den Baumwipfeln auf dem Erzgebirgskamm für Veranstaltungen, Hochzeiten, Tagesausflüge. 

Adlerflug Johanngeorgenstadt.
Skisprung-Slipline-Attraktion über den Anlaufturm, Anlauf, Schanzentisch und Auslauf.  Flugerlebnis wie ein Skispringer, einmalig in Mitteleuropa. 

NORDWAND ERZ. 
Höchste Kletterwand in Sachsen an der Turmrückseite im baulichen geschützten Innenbereich der Treppenhausfassade. Kletterhöhe ca. 30 Meter, Vorsprung des Aufhaltsraumes dient für die Sicherungstechnik. 

Wahrzeichen. 
Als angeleuchteter Turm strahlt die Erzgebirgsschanze über die Baumwipfel des Erzgebirgskamms und steht als Wahrzeichen für eine europäische Grenzregion und der deutsch-tschechischen Freundschaft. 

Weiteres: 

- Höhenrettungstrainingcamp für Feuerwerk & Katastrophenschutz
- Leistungstrainingszentrum Intervallstraining Herz-Kreislauf

 


Offener Brief der Wissenschaft und Baukultur zum Erhalt der Erzgebirgsschanze Johanngeorgenstadt

Mit großer Sorge blickt die deutsche Fachwelt für Baukultur und Denkmalpflege auf die Entwicklungen um die Erzgebirgsschanze Johanngeorgenstadt in Sachsen. 
Dieses einmalige Bauwerk der deutschen Wintersportgeschichte ist gegenwärtig akut vom Abriss bedroht. Der Eigentümer, die Stadt Johanngeorgenstadt, stellt sich entschieden gegen eine Eintragung des Bauensembles als Baudenkmal des Freistaates Sachsen und forciert stattdessen die Beseitigung der Sprungschanzenanlage samt Punktrichterturm aus dem Jahr 1962. 
Mit einem Offenen Brief wenden sich Wissenschaftler und Architekturverbände aus Sachsen und der Bundesrepublik an die Entscheidungsträger in Kommune, Landkreis und Landespolitik. Sie fordern die Eintragung der Erzgebirgsschanze Johanngeorgenstadt als herausragendes Bauwerk in die Denkmalliste des Freistaates Sachsen und deren Erhalt mit Konzeptentwicklung.

 

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Offener Brief Erhalt der Erzgebirgsschanze
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