Spinnerei Scharfenstein (Lithographie)
Spinnerei Scharfenstein (Lithographie)

Rein pragmatisch gesehen, steckt hinter jeder Fabrik nur ein Nutzbau, welcher konstruktiv so gestaltet ist, um die Ansprüche der Warenproduktion in deren Inneren, am best- möglichsten zu unterstützen und auf ein Maximal zu erfüllen. Doch so überrascht es, wie  abwechslungsreich und künstlerisch doch Fabriken als Zweckbauten gestalten sind. Während man sich zu Beginn der Industrialisierung noch stark an gängige Gebäudekonstruktionen orientierte, bildete sich mit zunehmender Entwicklung der Technik und den wachsenden Ansprüchen eine komplett eigene Architekturgattung heraus, welche stets geprägt ist durch aktuelle Stiltrends in der Architektur und neuen Innovationen in den Baumaterialien.

Um 1799 entstehen speziell in Sachsen die ersten Einrichtungen, welche man heute als frühe Fabriken bezeichnen kann. Hintergedanke ist durch den stärker wachsenden technischen Fortschritt, sich aus der Produktion des Manufakturwesens herauszulösen und durch eine Zentralisierung der Produktionselemente unter Einsatz mechanisierter Maschinen eine Massenproduktion von Gütern zu ermöglichen. Diese neue Anforderung erforderte von der Architektur ein bis dahin noch nicht existierendes Konzept. Die Gebäude müssen technisch genau auf die Maschinen und deren Energieversorgung, sowie der konzeptionellen Gliederung des Produktionsablaufes abgestimmt sein. Zwar konnte man in Deutschland aus erste Erfahrungen in England zurückgreifen, doch die geografischen Begebenheiten fordern neue Entwicklungen, gerade das schneereiche Erzgebirge verlangte eine spezielle Konstruktion der Bauwerke. Somit bedient man sich der Erfahrung aus dem Schlösser- und Kirchenbau.

Meinertsche Spinnmühle Lugau, Baujahr 1812
Meinertsche Spinnmühle Lugau, Baujahr 1812

 Die ersten Fabriken wirken in ihrer Grundstruktur diesen Bauwerken somit sehr ähnlich. Vorreiter in dieser Bauart speziell in Sachsen sind die Architekten Johann T. Lohse und Christian F. Uhlig. Noch bevor um 1830 die Dampfmaschine in den ersten Fabriken Europas ihren Siegeszug anging, schöpften die noch recht jungen Produktionsstätten die Energie aus der Kraft des Wassers. Über künstlich angelegte Wassergräben wird mit dem Massestrom des Fluides ein Wasserrad angetrieben, dieses überträgt eine Drehbewegung auf die Königswelle, von dieser sich wieder weitere Teilriemen verzweigen und auf die einzelnen Maschinenstränge übergehen. Das Konzept, auch als Transmission bezeichnet, blieb bis zum Erfolg des Elektromotors um 1890 in den Fabriken erhalten, einige wenige Anlagen überlebten sogar bis zum Jahr 1990 im Originalbestand. Die Maschinen werden in großen Sälen über mehrere Etagen angeordnet, in der Regel dem Produktionsablauf folgend von oben nach unten.

Da das Erzgebirge in Sachsen seit je her über kräftige Gebirgsflüsse verfügt, ist es damit schnell erklärbar, warum gerade hier in den Tälern die ersten Fabriken, speziell des Textilsektors, entstehen. Die Maschinen kommen zu dieser Zeit dabei noch vorwiegend aus England. Einer der heraus stechenden Köpfe jener Zeit ist der Engländer Evan Evans, welchen es in das mittlere Erzgebirge zog und der einen maßgeblichen Anteil an der Entwicklung des Maschinenbaues und des Fabrikwesens in Sachsen inne hat. Bis heute erhalten sind aus dieser Epoche die Spinnereien in Schlettau, Harthau und Siebenhöfen. Alle drei wurden von Baumeister Johann Lohse errichtet und sind markant ausgeführt durch sogenannte „Kolossal-Säulen“ an den Gebäudeecken und einem Mansardendach. Neben der konstruktiven Zweckerfüllung der Säulen, geben diese dem Gebäude etwas palastartiges, damit sind sie ein Sinnbild des neuen Statusgefühles einer neu entstandenen Gesellschaftsschicht der Fabrikanten. Der architektonische Abschnitt bis ca. 1850 trägt unter dieser Rücksicht die Bezeichnung der „Palastarchitektur“.

1830 ziehen die ersten Dampfmaschinen in die Fabriken ein und lösen den Wasserradantrieb in der Folge ab, das Prinzip der Transmission blieb erhalten. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts geht die Qualität der Architekturleistung dabei merklich zurück, der Fabrikant plant nun die Fabriken selbst und greift immer seltener auf erfahrene Architekten und Baumeister zurück. Der Fabrikbau verliert jegliche Schmuckelemente. Durch die aufkommenden Aktiengesellschaften steht zudem nun rein das Kapital eines Unternehmens im Vordergrund.

Mech. Weberei Pfefferkorn Hohenstein-E.,   Baujahr 1875
Mech. Weberei Pfefferkorn Hohenstein-E., Baujahr 1875

Konstruktiv gewinnt mehr und mehr der gebrannte Ziegel an Bedeutung und die Fabriken verlagern sich geografisch, durch den aufkommenden Maschinenbau und den textilverarbeitenden Industrien begünstigt, in die Handelsstädte am Rande der Gebirge. Strukturbedingt war hier ein größeres Kapital an Arbeitskräften zu finden und die Nähe zu wichtigen Handelsknotenpunkten verbesserte den Warenaustausch sowie Warenexport mit andere Regionen.

1871 erfasst die Reichseinigung die deutschen Lande. Aus einzelnen Fürstentümern und Königreichen entstehen nach dem Sieg im Deutsch-Französischen-Krieg ein vereintes deutsches Kaiserreich. Wirtschaftswege werden ausgebaut und Zollschranken endgültig beseitigt. Prägend für die ersten Jahre ist der sogenannte Gründeraufschwung. Unterstützt von französischen Reparationszahlungen investiert der junge Staat sehr viel in die Infrastruktur und die Wirtschaft, entscheidende Einflussfaktoren für ein gesundes Wachstum der Unternehmen im Land. Binnen weniger Jahrzehnte wird das Kaiserreich, trotz des Gründerkraches um 1875, zur größten Industrienation auf der Welt empor steigen. Betrachtet man den Primus Großbritannien im Vergleich dazu, so ist der Aufstieg des deutschen Kaiserreiches ein erstes kleines Wirtschaftswunder. Ein neues Selbstwertgefühl geht durch das Land und die Fabrikanten wollen nun auch mit der Architektur den Status ihres Unternehmens nach Aussen hin zeigen. Stilistisch greift man dabei auf klassische Formen zurück, aus der Antike findet der Rundbogen wieder Einklang in den Fassaden, er ermöglichst größere Fensteröffnungen. Die Fabrikantenvilla rückt nun bedeutender in das Fabrikareal ein und dient als Aushängeschild für den Erfolg eines Unternehmers, nicht selten schließt an ihr ein kleiner Fabrikgarten an.

Doch in den 1880er Jahren wird das Bauwesen zum Sparen angehalten, führende Industrien, wie die Textilindustrie, schwächeln und die Absätze schrumpfen enorm ein. Die Gebäude werden schlichter und immer mehr zeichnet sich schon eine neue Konstruktion aus einem Eisen-/Stahlgerippe mit Ziegelausfachung heraus. Die Gestaltung von Ziegelfassaden erlebt dabei ihren Höhepunkt, alle möglichen Farben und Formen gestalten die Fassaden der Fabriken.  Ab 1888 erfährt die Wirtschaft wieder eine neue Auflebung, begünstigt wird diese durch eine beginnende Aufrüstung des Kaiserreiches unter Kaiser Wilhelm II. Die Krisenjahre sind überwunden, gerade das Gießereiwesen und der Maschinenbau wächst gestärkt empor. Vermehrt entstehen neue Aktiengesellschaften und damit wird binnen kürzester Zeit großes Kapital in die Wirtschaft gesetzt. Das Fabrikgebäude ist nun das oberste Werbeschild eines Unternehmens und damit findet es sich auf unzähligen Briefköpfen wieder. Um die wiedererstarkte Macht und den Erfolg auch in der Architektur zu demonstrieren, bedient man sich den Formen der Gothik, Romantik und des Barockes, bis hin zum wilden Durchmischen aller Stilepochen. Neue Baumaterialien erlauben lange gerade Fensterstürze und die Fensterflächen erreichen nun ihr Maximum in der konstruktiven Fassade. Die sehr tiefen Fabrikhallen werden dadurch mit dem größtmöglichsten natürlichen Licht versorgt. Ab 1895 findet auch erstmals der Jugendstil in der Industriearchitektur seine Anhänger, er wird bis zum Ersten Weltkrieg ein maßgebendes Mittel in der Gestaltung sein und durch seine organischen Formen die Handwerkskunst in die Industrie überführen. Es gilt weiterhin die Grundregel: Das Äußere einer Fabrik zeigt wie modern und fortschrittlich das Unternehmen mit seinen Produkten ist. Die Rolle der Architektur dabei ist unangreifbar einflussstark. 

Wanderer-Werke Schreibmaschinenbau Chemnitz-Schönau, Baujahr 1912
Wanderer-Werke Schreibmaschinenbau Chemnitz-Schönau, Baujahr 1912

Mit der Jahrhundertwende beginnt der unter Lizenz gefertigte Eisenbeton seinen Siegeszug im deutschen Fabrikbau. Von nun an ist es konstruktiv möglich Maschinensäle mit mehreren Reihen schwerer Maschinen übereinander anzuordnen. Die Gebäude werden damit flächensparender und wachsen mehr in der Vertikalen. Allerdings wird dieses neue Baumittel erst in den 1920er Jahren in die Gestaltung zeitgemäßer Fassaden mit einbezogen. Es kommt erstmals zur Ausbildung ganzer Fabrikviertel, in deren die Fabrik als Zentrum dominieren und um sie herum, durch die Unternehmer gefördert, eigene Arbeitersiedlungen und Kultureinrichtungen entstehen, ein industrieller Monokosmos entsteht. Durch derartige Sozialmaßnahmen im Bauwesen will man das Aufkommen sozialdemokratischer Bewegungen den Wind aus den revolutionären Segeln nehmen.

Nach der Jahrhundertwende beginnen auch in der oberen Gesellschaftsschicht sich neue Reformgruppen zu bilden. Unternehmer und Künstler wollen das festgefahrene Bauwesen im Fabrikbau mit ihren überladenen und verschachtelten Konstruktionen neu überdenken und so eine neue Form der Massenproduktion heraus bilden. 1907 findet sich so in München der Deutsche Werkbund zusammen. Sein Ziel besteht in der „Veredelung der gewerblichen Arbeit“, um damit die deutschen Produkte auf dem Weltmarkt besser zu positionieren. In Sachsen wird dafür 1909 speziell ein „Gesetz gegen die Verunstaltung von Stadt und Land“ erlassen. Die Architektur besinnt sich auf die Traditionen und dem Stil der „Fabrikpaläste“ der ersten industriellen Phase mit ihren hohen Mansardendächern. Vor dem Ersten Weltkrieg zeigt sich in den neuen Bauwerken der Architekten Peter Behrens und Walter Gropius bereits der Ausblick auf die moderne sachliche Formensprache der 1920er Jahre.

Doch der Kriegsbeginn 1914 stoppt alle Bemühungen der architektonischen Fortschritte und bringt eine bis dahin rasant gewachsene deutsche Industrie an das Fagott. Während des Ersten Weltkrieges müssen besonders viele Unternehmen der Leichtindustrie ihre Produktion einstellen und die Fertigung von Kriegsmaterial aufnehmen. Der Fabrikbau erlebt aber dafür nochmals einen kleine Aufschwung, doch  der Schaden dieses Prozesses für die Wirtschaft wird enorm sein. Nach 4 Jahren Weltkrieg ist die Welt in der deutschen Industrie eine andere, sie wird über 10 Jahre brauchen um sich aus diesen Rückschlag zu erholen und dennoch wird sie nie wieder an die Kapazitäten und den Erfolg der Vorkriegsjahre anknüpfen können. Eine Ära in der deutschen Industriegeschichte nimmt so ihr Ende auf den Schlachtfeldern des Weltkrieges. Für die Architektur ist es dagegen die Chance nochmal von neuen zu beginnen und die alten Stile abzuwerfen, um sich damit an einem neuen Denken zu orientieren. Die Architektur bereit sich von alten Lasten und führende Köpfe werden den Fabrikbau mit dem Ende des Krieges neu definieren.

 

von Basti Dämmler - 23 April 2016

Zeugen der Industriearchitektur TEIL 1



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