Wenn es um den Wert eines Gebäudes geht, dann spielt nicht nur die finanzielle Kalkulation eine Rolle, sondern die historische Bedeutung und die architektonische Eigenheit eines Bauwerkes. Jeder Chemnitzer kennt ihn, diesen Anblick, welcher seit über 100 Jahren das Stadtbild prägt, wie kaum ein anderer. Direkt am Fluss Chemnitz gelegen, die ehemalige Wirkmaschinenfabrik „Schubert & Salzer“ mit ihrem markanten Glockenturm im Art Deco und in einer Symbiose dazu, elegant das Tal überspannend, das Viadukt des „Chemnitzer Eisenbahnbogen“. Harmonisch geformter Stahl in einer bildlichen Liebesbeziehung mit den stolzen Fabrikbauwerk einer der ehemals größten Unternehmen der Stadt. Ein Bild von Industrieromantik. So unendlich viele Menschen sind schon unter der markanten Brücke hindurch gelaufen, haben ihre eigene Geschichten hier erlebt. So auch die Züge, einst noch Dampflokomotiven, sind über sie gefahren, hinter ihren Fenstern stauende Reisende, mit dem Augen für die vielen Fabriken der alten Industriestadt, aber auch für ihre ganz markante Schönheit. So ist das Viadukt ein Teil des Lebens geworden und damit ein Teil der Stadt, ein nicht wegzudenkendes Wahrzeichen von Chemnitz.

Versucht man Chemnitz historisch zu definieren, so kommt man an den Slogan „Industrie- und Handelsstadt“ nicht vorbei. Die Stadt zählt früh zu den Keimzellen der deutschen Industrialisierung und wird nicht umsonst als Mutter des deutschen Maschinenbaues bezeichnet. So hat sie ihre ganz eigene Stellung in den Geschichtsbüchern eingenommen.

Mit dem Jahr 1900 befindet sich die Stadt zweifelsohne auf ihrem Höhepunkt. Aus der Stadt ist eine einzige riesige Fabrik geworden. Die ansässigen Maschinenfabriken dominieren zu dieser Zeit den Weltmarkt und überall prägen die großen Gebäude mit ihren breiten Fenstern das Bild der Straßenzüge. Hier wird gewebt, gewirkt, geformt, gegoßen, gefräst und konstruiert. Es ist ein Bild von den alten Biedermeierhäusern der Innenstadt bis zu vorgelagerten modernen Fabrikanlagen, welches Chemnitz in dieser Zeit prägt. 

Mit dem Jahr 1901 beschließt die Sächsische Staatsbahn den Ausbau der Strecke Werdau-Dresden mitten durch die wichtigen Industriestandorte in Sachsen. Teil dieses Projektes ist die „Überquerung“ der Stadt Chemnitz durch eine erhöhte Bahnstrecke, auch als „Chemnitzer Bogen“ bezeichnet. Der bautechnische Schwerpunkt liegt dabei bei der Überquerung des Fluss Chemnitz südlich der Innenstadt. Hier muss ein 275 Meter breites Tal durch eine Viaduktkonstruktion überquert werden und sich gleichzeitig in die umgebende Industriearchitektur einfügen. Dazu wählt man eine Stahlfachwerkkonstruktion mit zwei Bodensegmenten und 3 Balkenbrückensegmenten. Mit einer Breite von 16,5 Meter bietet diese Variante genug fahrbare Breite für einen viergleisig überquerenden Zugverkehr. Baubeginn für das Viadukt ist auf das Jahr 1905 datiert, eröffnet wird das Bauwerk im Jahr 1906. Es stellt sich in einer Reihe der markanten Bauwerke dieser Zeit und ist Teil des Gesamtbildes, welches Chemnitz als Stadt der Moderne auszeichnet. Auszeichnen tut es nicht nur die ingenieurtechnische Konstruktion, welche selbst für diese Zeit ein Aushängeschild ist, sondern auch besondere Zierde eines Zweckbauwerkes mit Stilelementen des Jugendstiles und einem ausgesprochenen Detailreichtum.

Seit dem Jahr 2002 plant der heutige Besitzer, die Deutsche Bahn AG, die Sanierung der kompletten Strecke quer durch den Freistaat Sachsen. Noch fehlte zu diesen Zeitpunkt das nötige Geld, doch mit dem Jahr 2012 informiert die DB AG die Stadt Chemnitz über die Einleitung der Planungsphase für den Streckenabschnitt. In diesen Planungen inbegriffen ist der Neubau aller 5 Eisenbahnbrücken des „Chemnitzer Bogens“, so auch das Viadukt über die Chemnitz. Es bedeutet den Abriss des markanten Altbaues von 1906. In der Stadt firmiert sich mit diesem Vorhaben massiver Widerstand gegen die Planungen der Deutschen Bahn. Die Bürgerinitiativen „Stadtforum Chemnitz“ und „Stadtbild-Chemnitz“ sammeln für dessen Erhalt fast 9000 Unterschriften und lassen unterschiedliche Experten die bautechnische Lage am Denkmal bewerten. Hinzu kommt die Unterstützung lokaler und bundesweiter Politiker sowie ein Stadtratsbeschluss zum Erhalt des Viaduktes im Dezember 2015. Die Deutsche Bahn AG allerdings reagiert nicht auf diesen massiven Widerstand. Im Januar 2016 reicht sie bei der Stadt Chemnitz den Abrissantrag ein. Die Kalkulationen für den geplanten Neubau liegen bei 12,3 mio.€, eine Sanierung würde nach Aussage der Bahn bei ca. 20 mio.€ liegen. Es sind 8 mio.€, welche das Ende für das historische Bauwerk bedeuten sollen. Geld was bei einem Unternehmen fehlt, welches eben erst für mehrere Milliarden eine neue Hochgeschwindigkeitsstrecke eröffnet hat!

Denkmalschutz heißt Denkmalschutz, weil er Denkmäler schützt! Was bringt es wenn man diesen Grundsatz des deutschen Baurechtes mit einfachen Mitteln und ohne Einbezug der Bürger umgehen kann? So stelle man sich vor, diese Brücke würde in Frankfurt/M. oder Köln stehen, sie wäre schon lange saniert. Die Deutsche Bahn ist damit ihrer Pflicht zur Erhaltung des denkmalgeschützten Bauwerkes in der Vergangenheit nicht nachgekommen (Art. 14(2) GG), die letzte Grundsanierung des Bauwerkes ist über 50 Jahre her! Nun sollen die Chemnitzer Bürger und ihre Stadt für diese Wirtschaftsführung bezahlen und einen weiteren Verlust eines markanten stadtprägenden Bauwerkes hinnehmen, gerade in Chemnitz, welches in den letzten 25 Jahren schon extrem viel an historischen Bauwerken, besonders des Industriezeitalters, an den Abrissbagger verloren hat. Eine derartige Baupolitik darf man nicht dulden, die Bürger sind bei stadtprägenden Entscheidungen mit einzuschließen und unabhängige Fachleute zur Bewertung heranzuziehen! Nach unseren Ansichten werden die Zahlen für die Kosten schön gerechnet, Gegenargumente garnicht erst analysiert und diskutiert. Man versucht mit allen Mitteln diesen Abriss durchzusetzen. Gerade bei einem Kulturdenkmal von diesen Ausmaß ist das Vorgehen der Deutschen Bahn AG nicht akzeptabel. Sowohl die Kommunalpolitik, als auch die Landesregierung sind besonders gefragt und müssen sich hinter das Viadukt und dessen Erhalt stellen. Nur von politischer Seite kann so dem Zerstörungswahn ein Ende gesetzt werden. Es geht dabei nicht nur um den Erhalt einer Brücke, es geht dabei ebenfalls um die Grundsatzfrage über den Umgang mit einzigartigen Denkmälern in Ostdeutschland. 

Das Viadukt gehört zu den bedeutendsten technischen Denkmälern in Sachsen und ist Europa weit eines der Letzten dieser Bauart. Industriegut ist Kulturgut und ist durch kein Geld der Welt zu ersetzten!

 

Das Team von Industrie.Kultur.Ost


Historische Ansichten


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