2.11.2017

Es ist das Jahr 1801, dem englischen Maschinenbauer Evan Evans gelingt ein kleiner Urknall, dessen Auswirkung erst viel später deutlich wird. Er bringt in jenen Tagen die englischen Spinnmaschinen in der Baumwollspinnerei Gebr. Bernhard in Harthau bei #Chemnitz in Funktion und erzeugt damit das erste gleichmäßige Maschinenrattern in Mitteldeutschland. Es ist der Beginn der Industriellen Revolution in #Sachsen und damit der Aufbruch in ein neues Zeitalter. Eine Epoche, die wie keine andere seit der Neolithischen Revolution vor 15.000 Jahren die Menschheit verändern wird. Der Mensch wächst über seine kreativen Grenzen hinaus und schafft sich durch seinen Inovationsdrang die Maschine zur größten Errungenschaft seiner selbst. 
Die historische Wurzel der Industriellen Revolution mündet im Gebäudetyp der Spinnmühlen. Sie sind die ersten Konzepte eines Fabriksystemes und schaffen die Basis für eine moderne Gesellschaft.
So hat Sachsen, als eine der ältesten Industrieregionen der Welt, den zweitgrößten Bestand dieser Bauwerke nach dem Industriemutterland England. Doch 2/3 dieser Bauwerke hier im Lande verfallen und sind akut vom Abriss bedroht. Ihre Bedeutung wird dabei zu oft gegenüber anderen Kulturbauwerken missachtet, doch ihre Architektur, Bautechnik und Historie macht die Sächsischen Spinnmühlen weltweit einzigartig. 
Wir möchten in den kommenden Wochen des Jahres 2017 das Kapitel dieser Bauwerke und ihrer Geschichte euch gerne durch unsere ersten Themenwochen vermitteln. Von den Gebäuden, den Menschen und der Technik, die bis heute ihre Strahlkraft nicht verloren haben und jeden einzelnen indirekt immer noch beeinflussen. 
Das Bild zeigt den Ort Erfenschlag bei Chemnitz im Jahr 1814 mit den beiden Spinnmühlen von Baumeister J.T. Lohse für die Gebrüder Schnabel.

So seid gespannt auf die kommenden Wochen rund um ein Zeitalter, als Fabriken wie Paläste wirkten und ihre Entwicklung die etablierte Weltordnung aufsprengte. 

(Bild:Unbekannt; Deutsche Fotothek; CC-BY-SA 4.0)

 

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12.11.2017

In #Wolkenburg bei #Chemnitz steht ein Bauwerk, welches man auf den ersten Blick wohl als Gutshaus einordnen würde, doch es handelt sich hier um eines der ältesten Fabrikgebäude ausserhalb von England. Im Jahr 1799 errichtet es der Graf Detlef von Einsiedel als eine der ersten Spinnereien in Sachsen. Sie gehört gemeinsam mit den Spinnereien in Chemnitz-Harthau und Chemnitz-Furth zu den drei Gründungsunternehmen der sächsischen Industrialisierung. Da allerdings die beiden anderen Unternehmen die Spinntechnologien des Waterframe und Mule Twist bereits durch königliche Privilege für sich sicherten, versuchte der Graf von Einsiedel in Wolkenburg die Garnspinnerei von Schafwolle zu etablieren. Dazu lässt er vor Ort spezielle Merino-Schafe züchten.
Aber auch das Gebäude stellt einen interessanten Versuch dar. Da der Fabrikbau zu dieser Zeit noch nicht bekannt war in Sachsen, experimentiert man mit bestehenden Bauformen. In Wolkenburg kommt dabei der sogenannte „Herrenhaustyp“ zum Einsatz. Dieser sollte aber im weiteren Verlauf eine Randerscheinung bleiben, da er nicht für eine organisierte industrielle Fertigung geeignet war. Die Spinnerei selbst wird von Evan Evans 1808 auf Mule Twist umgestellt und an neue Betreiber verpachtet. 
In der heutigen Zeit verfällt das Bauwerk. So konnte es leider nicht in die Bauaufgabe eines neuen Sportzentrums direkt nebenan eingebunden werden, obwohl für dieses beachtliche Fördersummen fließen. Es hätte die Rettung sein können für eines der ältesten Fabrikgebäude in Mitteleuropa. 
(Bild: S.Dämmler, Industrie.Kultur.Ost)
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07.01.2018

Mit dem Aufkommen der Industrialisierung entsteht in #Sachsen, als eine der ersten Regionen der Welt ausserhalb von England, ein neuer Gebäudetypus. Die sogenannten Spinnmühlen sind die ersten ausgereiften Fabrikgebäude, welche der Mensch zur kontinuierlichen und maschinellen Fertigung von Produkten erschafft. Der Name verrät dabei bereits sehr viel über die Technik und die Funktionsweise dieser ersten Fabrikgebäude. Über ein Wassermühlensystem wird Energie für die Fertigung erzeugt. Dies bedeutet, über Wasserbauwerke wird ein Wasserrad (in der Hochphase bis zu 6-7 Meter Durchmesser) mit einem kontinuierlichen Wasserstrom versorgt. Dieses Wasserrad in der Radstube treibt über ein Zahnradgetriebe eine vertikale Antriebswelle an, welche durch die Zwischendecken in alle Produktionsräume geht. In diesen Spinnräumen wird die Kraft über Kamm- und Kegelräder an eine horizontale Welle (Königswelle) übertragen, welche wiederrum einen Transmissionsriemen und damit die Maschinen antreibt. Auf verschiedensten Maschinentypen wird dabei Wolle, meist Baumwolle, zu Garn unterschiedlichster Feinheiten gesponnen. 
Sehr gut lässt sich dieser Prozess an einer historischen Ansicht der Spinnmühle Schüller in Gelenau erkennen, auch wenn es sich bei den Spinnmaschinen mit Selfaktoren bereits um eine spätere Maschinengattung handelt, hat sich die Antriebsart nicht geändert. Erst als die Maschinentechnik durch Ringspinnmaschinen die Raumdimensionen der Gebäude sprengte, wurden die meisten Spinnmühlen um das Jahr 1900 aus der industriellen Produktion enthoben. Ihr Wasserlauf wurde allerdings in dieser Folge umgenutzt. So wurde das Wasserrad durch Wasserturbinen ersetzt und für die Erzeugung von Rotationsenergie oder durch einen Generator für elektrische Energie weitergenutzt. 

(Bild: "Zum 50jährigen Bestehen der Firma Gebr. Schüller, jetzt, Gebr. Schüller Actiengesellschaft", Chemnitz, 1908)

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12.01.2018

Die ersten sächsischen #Spinnmühlen sind vielerorts geprägt durch den Baumeister Johann Traugott Lohse. Der Altenhainer kam ursprünglich aus dem Kirchenbau und wurde zunehmend für den Bau von Spinnmühlen herangezogen. So konstruierte er bereits 1798 die erste Spinnmühle in Sachsen in #Chemnitz-Harthau nach englischem Vorbild. In der Folge entwickelt er seine eigene Handschrift und schuf einen Gebäudetypus, der heute als "Palasttyp" in den Geschichtsbüchern steht. Prägnant dafür sind sogenannte Kolossalsäulen an den Gebäudeecken, welche er 1804 am Kirchenneubau in Chemnitz-Reichenbrand erstmals einsetzte und 1808 mit der Spinnmühle Gebr. Schnabel I in Erfenschlag (siehe Bild) in den Spinnmühlenbau übernahm. Neben dem spannungsvollen Verhältnis aus Baukörper und Dach, spielt er auch mit der Dachform der Gebäude. Nutzt er anfangs noch ein Mansarddach bzw. Krüppelwalmdach zur besseren räumlichen Ausnutzung der Dachgeschosse, so krönt er die Spinnmühlen in #Erfenschlag II, #Siebenhöfen und #Schlettau II & III mit einem Kielbogendach, die höchste Kunst im Holzbauhandwerk. Selbst macht er sich mit den letzten beiden genannten Bauwerken als Spinnereibesitzer selbstständig. Erst die zunehmende Konkurrenz zwingt die Fabrikbesitzer von derartigen Gebäudeschmuck abzusehen. 
Doch so sind es diese Gebäude, die aufzeigen, welchen kulturellen Wert bereits in den ersten Fabrikgebäuden steckt. So muss man auch die zeitlichen Relationen sehen, das Ruhrgebiet war als Beispiel in dieser Phase noch eine agrarisch geprägte Region. 
Von den als 'Palasttyp' definierten Spinnmühlen existieren heute allerdings nur noch zwei Exemplare in #Sachsen. Sie können als einzigartig in der Welt angesehen werden. Beide sind vom Verfall bedroht und werden ohne Hilfe nicht die nächsten Jahre überstehen. 

(Bild: Klemm, Konrad; Deutsche Fotothek,SLUB; CC-BY-SA 4.0)

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09.02.2018

Wie konstruiert man einen Bautyp, wenn es im Umkreis von 1000km fast kein gleichwertiges Gebäude gibt? 
Vor dieser Frage standen die Baumeister der ersten sächsischen Spinnmühlen um das Jahr 1800. Die Spinnmühlen sind die Mutter des deutschen Industriebaus, doch in jener Zeit war der Begriff der Fabrik für viele noch ein Fremdwort, welches wenige nur aus England kannten. 
So konnten zwar manche Konstruktionen und Arbeitsabläufe von der technischen Vorstufe, den Manufakturen, übernommen werden, aber ein großer Teil des Know-Hows musste von den britischen Inseln geistig importiert werden und auf die Anforderungen vor Ort skaliert werden. Bis in 1830er Jahre hinein hat sich dieser Fabrikbau in Sachsen dann aber bereits von selbst sehr gut entwickelt und es kristallisierten sich gängige Bauformen heraus, die fast in einer Art Serienproduktion umgesetzt wurden.
Schaut man nun in den horizontalen Schnitt einer Spinnmühle aus Sachsen, wird ihr Aufbau schnell deutlich. An einer Giebelseite befindet sich das Treppenhaus, meist feuerfest ausgeführt, im Rahmen der bekannten Brandschutzmaßnahmen. Der eigentliche Produktionsteil unterscheidet sich in zwei Bereiche. Ein großer Raum zwischen den beiden Aussenwänden beinhaltet den Maschinenraum. Hier standen je nach Fertigungsabschnitt die Textilmaschinen. Der zweite Bereich, am Treppenhaus angelagert, ist gekennzeichnet durch kleinere Räume zur Vor- und Nachbereitung der Ware. Sowohl der Baumwolle, als auch des fertigen Garnes. Der Schnitt durch das Erdgeschoss der Spinnmühle Himmelmühle zeigt hier zudem noch das Wasserrad samt Radstube. In den meisten Fällen war dieser Energiewandler eher an einer Giebelseite angesetzt. Die entwickelte Grundstruktur einer effektiven Produktionsstrukturierung hat sich bis in die heutige Zeit gehalten. Moderne Fabriken arbeiten weiterhin nach dem Prinzip der Spinnmühlen. Einzig der Geschossbau erlebt in den letzten Jahrzehnten einen leisen Abgesang. 

(Bild: Gruber, M.; Lässig, K.: "Spinnerei Himmelmühle", Seminararbeit, Dresden, 1953)

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13.02.2018

Der Anfang einer neuen Zeit.
Mit der Entwicklung der ersten Spinnmühlen in Sachsen beginnt die Industrialisierung in Mitteldeutschland. Es ist dabei nicht nur die Einführung einer neuen Baukategorie und einer neuen Produktionsstruktur, sondern auch die Wandlung in ein neues Gesellschaftssystem. Besonders in der Architektur der Spinnmühlen lässt sich diese gesellschaftliche Revolution deutlich machen. Aufgrund der Wirtschaftlichkeit und der technischen Grundlage der Kraftübertragung wachsen die Spinnmühlen ab 1808 besonders stark in der vertikalen. Die auf der Zeichnung abgebildete Spinnmühle Evans in Siebenhöfen von 1812 zeigt eindrucksvoll die Proportionen. Ein Baukörper von 5 Geschossen trägt ein Kielbogendach mit weiteren 3-4 Geschossen, auf diesem thront ein Glockenturm von 2 Geschossen. Das sind in der Summe 10-11 Geschosse in der vertikalen Höhe. Vergleicht man diesen Baukörper mit anderen Bautypen jener Jahren, so kann man zurecht von den ersten Hochhäusern des 19. Jahrhunderts sprechen.
Doch so ist es gerade jener Glockenturm, als Kirsche auf der Torte, welcher den Wandel jener Jahre massgeblich verdeutlicht. 1802 beantragt die Spinnerei Wöhler & Lange in Chemnitz beim sächsischen König den Bau eines Glockenturmes auf ihrer Fabrik. Unter Protesten stimmt dieser schließlich zu und schnell verbreitet sich der Turm auf weitere Spinnmühlenbauten. 
Bis dato war eine Glocke, ja sogar noch dazu die Uhr, ein Privileg der Kriche gewesen. Über Jahrhunderte hat der Kirchturm die Menschen in einer Dorfgemeinschaft zum Gottesdienst gerufen, so war auch als Machtsymbol der Kirchturm stets das höchste Bauwerk im Dorfe. Die Menschen betreiben ihre Landwirtschaft oder Heimwirtschaft und organisierten sich in der Kirchgemeinde. 
Mit den Spinnmühlen kommen nun reiche Neufabrikanten und bauten in jenes Dorf eine Fabrik, die nicht nur höher als der Kirchturm des Dorfes ist, nein, sie trägt auch noch einen Glockenturm, welcher die Menschen zur Arbeit ruft. In diesem architektonischen Kontrast zeigt sich die Verschiebung der Machtverhältnisse. Fortan regelt nicht mehr der Dienst an Gott den Tagesablauf der Menschen, sondern der Dienst am Fabrikanten und seiner Fabrik. Die alten Obrigkeiten bekommen mit dem Industriellen einen neuen Gegenspieler und im später hochindustrialisierten Sachsen muss selbst der König um seine Macht ausserhalb seiner Residenzstadt kämpfen. Der Mensch ist angekommen aus dem Spätmittelalter in der Neuzeit, doch der Weg ist noch lang, bis er diesen Wandel versteht und in Harmonie leben kann. Besonders prekär wird es, als Baumeister Johann Traugott Lohse noch architektonische Stillmittel aus dem Kirchenbau auf die Spinnmühlen überträgt. Die Höhenkonkurrenz von Bauwerken beginnt in jenen Jahren und erreicht im Fabrikbau in den 1920er Jahren nochmals eine Blütezeit. Selbst in der heutigen Zeit steht die Höhe in der Architektur für Macht und Fortschritt. So haben wir uns an den Anblick hoher Gebäude gewöhnt, doch welche Wirkung müssen diese ersten Spinnmühlen auf die Menschen gehabt haben, die zuvor eine derartige Architektur noch nicht wahrgenommen haben. 

(Bild: Zeichnung Paul Evans, Zeit unbekannt)

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