Rechenzentrum mit Robotron R300 (Quelle: Uni Halle)
Rechenzentrum mit Robotron R300 (Quelle: Uni Halle)

Die Lichter blinken wie wild, die Radiallüfter zischen wie ein startendes Flugzeug, das Lochband fliegt durch das Lesegerät. Ein mikroelektronisches Monster ist zum Leben erwacht. Es ist der Robotron R300, der Startschuss der doch so kleinen DDR in das Computerzeitalter.

Robotron, das ist nicht nur ein Fantasiename eines Kombinates in der ehemaligen DDR, es der bedeutendste Mikroelektronikkonzern östlich des "Eisernen Vorhanges". In seiner Größe und in seiner wirtschaftlichen Bedeutung einzigartig im Industriekosmos des sozialistischen Landes und doch steht die Geschichte von Robotron sinnbildlich für die wirtschaftliche Struktur in der DDR und der fehlenden Kontinuität in der Wirtschaftsführung. 

Geschichte

Kombinatsleitung Robotron Dresden (Quelle: Deutsche Fotothek)
Kombinatsleitung Robotron Dresden (Quelle: Deutsche Fotothek)

Mit der Entwicklung des Robotron R300 in Karl-Marx-Stadt zündet die DDR die Rakete in das Computerzeitalter.

Als Fertigungsstandort wird vorerst das Werk des "VEB Rafena Radeberg" ausgewählt. Für die neue High-Tech-Schmiede will die DDR-Führung dabei nur das Beste aufzeigen. Das Land will mit eigener Mikroelektronik international mitmischen. Zu diesem Zweck beginnen 1969 die Bauarbeiten für ein neues Forschungszentrum an der Leningrader Straße im Dresdner Zentrum. Für das neue Vorzeigeobjekt entstehen auf der ehemaligen Brachfläche drei große Bürogebäude, ein Rechenzentrum und eine neue Betriebskantine. Das Gelände wird dabei großflächig angelegt, eine aufgelockerte Gebäudestruktur, viel Kunst am Bau und ausreichend Parkanlagen sorgen für ein angenehmes Arbeitsklima und gute Vorraussetzungen für das ehrgeizige Ziel der DDR. So soll das neue Areal sowohl Entwicklungsstandort, als auch Kombinatsleitung für das neu gegründete Kombinat "Robotron" werden. 1972 wird der Komplex eingeweiht und nimmt seine Arbeit auf. 

Teil dieses Wissenschaftszentrums in einer Campusstruktur ist die frei stehende Betriebskantine. Sie wird ebenfalls 1972 vollendet und soll mit zwei großen Speisesälen täglich 800 Mitarbeiter und Ingenieure versorgen. Die Architekten des Bauwerkes sind H. Zimmer, P. Schramm und S. Thiel. Doch schon im Jahr 1971 veranlasst das Politbüro der DDR eine Stagnation der Mikroelektronik, ausgelöst durch die Ablöse an der Politbürospitze. Erst in den 1980er Jahren setzt die Wirtschaftsleitung wieder intensiv auf das Vorzeigeprojekt und investiert in das Kombinat. 1977 kommt es zur Vereinigung des Kombinats Robotron mit dem Kombinat Zentronik in Karl-Marx-Stadt. Fortan ist Robotron mit 68.000 Mitarbeitern der größte Konzern in der DDR-Wirtschaft und das Entwicklungszentrum in der Dresdner Innenstadt hat sich trotz der staatlichen Bremse zum Herzen der RGW-Mikroelektronik hervor gearbeitet. 

Mit der deutschen Wiedervereinigung wird das gigantische Kombinat zum 1. Juli 1990 aufgelöst, einzelne Abteilungen privatisiert. Der Großteil der Betriebsstruktur bleibt aber in der Verwaltung der Treuhand-Anstalt und wird schrittweise abgewickelt. Einher geht auch die Auflösung des ehemaligen Verwaltungszentrums in Dresden.

Das Areal erlebt in der Folge sehr wechselhafte Jahre. Während in den 1990er Jahren noch über ein Abriss diskutiert wurde, ist das Gelände im Jahr 2008 als Standort für das Technische Rathaus Dresden im Gespräch. Gleichzeitig sollte auch das gesamte Areal als außerordentliches Zeugnis sächsischer Industriegeschichte die Denkmalschutzwürde erhalten. Doch beide Pläne scheiterten. Bis 2015 waren die Gebäude an kleine Unternehmen und Händler vermietet. Kurz zuvor wurde das 98.700 qm große Areal an die hessische Immobilienfirma "Immovation AG" verkauft. Ab November 2014 erhält das gesamte Areal ein neuen Bebauungsplan. Dieser sieht den Abriss von 3/4 der Bausubstanz des Robotron-Areals vor und eine neue Wohnbebauung unter Architekt Prof. Peter Kulka. Anstatt ein sehr gut erhaltenes und stark bekunstetes Zeugniss der sächsischen Ingenieurskunst zu erhalten und zu nutzen, soll nun ein neues Wohnquartier mit 3.000 exklusiven Wohnungen enstehen.  Ende 2015 beginnt der Abriss des Atriums I, ein Jahr später im November 2016 fällt das Rechenzentrum dem Bagger zum Opfer. Es ist der Abriss der Betriebskantine sowie des gegenüberliegenden Atrium II geplant.

 

Bedeutung der Betriebskantine

Formsteinwand im Speisesaal 1 der Betriebskantine
Formsteinwand im Speisesaal 1 der Betriebskantine

Die Nutzungskonzeption der Betriebskantine des Robotron-Areals zeigt sich bereits in ihrer Architektur. Die Kantine steht als freier Baukörper und ist strukturell in zwei Bereiche aufgeteilt. Im vorderen Trakt befinden sich zwei Speisesäle mit je 400 Plätzen sowie die Großküche. Im hinteren Trakt sind über ein Treppenhaus verschiedenste Kulturräume erreichbar. Das Bauwerk hatte damit nie nur den Nutzen der Pausenversorgung der Betriebsingenieure und -angestellten. Das Kantinengebäude war stattdessen das kulturelle Zentrum der Kombinatsleitung. So diente es zur Aufführung von Theaterstücken und des betriebseigenen Chores, sie beherbergte die Räume für Freizeitkreise und kleinere Feiern und nicht zuletzt versorgte sie die „Robotroner“ täglich in den Pausen. Das Bauwerk war damit der soziale Mittelpunkt im kleinen Mikrokosmos der Robotron-Kombinatsleitung. Ein Zeuge der Menschen, vom freudigen Lachen und verzweifelten Nachdenken über prägnante Lösungen der Forschungsziele. 

Architektur

Bauwerk zur Fertigstellung 1972 (Quelle:Deutsche Fotothek)
Bauwerk zur Fertigstellung 1972 (Quelle:Deutsche Fotothek)

Die Kantine, der kleine Kulturpalast 

 

Die Betriebskantine des Verwaltungsareales wird von 1969 bis 1972 errichtet. Sie verkörpert durch die Formengestaltung von Herbert Zimmer, Peter Schramm und Siegfried Thiel eine klare Sprache der 1970er Ostmoderne mit deutlicher Orientierung an die Internationale Moderne. Interessant sind dabei auch stilistische Parallelen zum Dresdner Kulturpalast, welcher 1969 von Wolfgang Hänsch am Altmarkt erbaut wurde.

Der Baukörper des Kantinengebäudes ist stark horizontal ausgerichtet. Die Grundstruktur bildet ein DDR-Einheitssystem für Stahlbetonhallen mit leichter Dachneigung. Der Flachbaukörper ist im Speisesaaltrakt an drei Seiten von einer Eingangsterrasse umgeben. Der Dachüberstand wird an den Gebäudeflanken durch Betonpfeiler abgefangen. Die dreiseitig umlaufende Terrasse ist zudem durch Formbetonelemente mit vertikaler unregelmäßiger Balkenstruktur als Brüstung begrenzt. Schaffer dieses Kunstwerkes war der berühmte Bildhauer Friedrich Kracht. Die Brüstung sitzt dabei auf ausragenden Kragarmen. Das Kellergeschoss ist der Terrassenbrüstung zurück gesetzt und vermittelt eine optische Täuschung eines schwebenden Gebäudes. Die Horizontale des Pavillons wird mit diesen Stilmitteln besonders verstärkt.

Erschlossen wird das Gebäude durch eine große Haupttreppe zur Terrasse an der Vorplatzseite und zwei kleineren Treppen an den Gebäudeflanken zu den Seiteneingängen der Speisesäle. Der Haupteingang zur Lingerallee ist durch zentrische Metrik deutlich definiert. In der Fassadenmitte befinden sich dabei eine verglaste Eingangsfront aus Holzrahmenelementen und drei Eingangstüren. Geschützt wird der Eingangsbereich durch ein freitragendes Vordach. Zu den Seiten ist die Fassade abgeschlossen durch zwei Fliesenwände aus blau lasierten Rechteckfliesen. Die Gebäudenflanken sind in einer Fensterfront aus Pfosten-Riegel-Konstruktion ausgeführt, die damit die dahinter liegenden Speisesäle belichten. Der zweite hintere Gebäudetrakt enthält die Versorgungsräume. Er tritt optisch deutlich zurück und ist seinen Zweck orientiert. So befindet sich an der Gebäuderückseite eine Laderampe zur Versorgung der Großküche. An beiden Außenseiten dieses Traktes befinden sich zudem Fahrzeugrampen in das unterliegende Kellergeschoß. Im Innenraum sind die markanten Formsteinwände von Bildhauer Eberhard Wolf in beiden Speisesälen ein herausragendes Beispiel der Kunst am Bau. 

Erhalt des Bauwerkes

DIe Kantine kurz nach 1990 mit Robotron-Leuchtschrift über dem Eingang.
DIe Kantine kurz nach 1990 mit Robotron-Leuchtschrift über dem Eingang.

Der Erhalt der Betriebskantine auf dem früheren Großforschungszentrum Robotron in Dresden sollte angestrebt werden. Das Bauwerk ist ein entscheidenes Zeugnis seiner Epoche und muss für unsere Nachkommen, deren Pflicht wir unterstellt sind, erhalten werden. Der Erhaltungsschwerpunkt liegt sowohl in der historischen Bedeutung sowie in der architektonischen Alleinstellung.

Die 1972 geweihte Kombinatsleitung von Robotron kann aus heutiger wissenschaftlicher Sicht als der erste Entstehungskeim des heute stark vertretenen Firmenverbund „Silicon Saxony“ gesehen werden.  Sachsen ist ein Zentrum der Mikroelektronik in der Welt und Dresden hat sich in dieser Rolle zum europäischen Zentrum für die Forschung und Entwicklung  von Halbleitertechnik und Mikroelektronik  entwickelt. Führende neue Technologien auf diesem Gebiet werden von hiesigen Instituten und Unternehmen für die ganze Welt entwickelt.

Robotron setzte damit 1972 mit der Kombinatsleitung und dem Großforschungszentrum den ersten Stein auf diesem Weg.  So sehr die Computerentwicklungen der kleinen DDR meist belächelt werden, um so mehr muss man die Leistungen der Ingenieure in Dresden bewundern. Sie haben mit besonderen Materialengpässen und fehlender politscher Unterstützung herausragende Entwicklungen auf den Markt gebracht, die bis heute zu den kompliziertesten Maschinen in der Menschheit gehören.  Robotron hat damit einen entscheidenen Beitrag geleistet, dass der Ostblock sich technologisch derart fortentwickeln konnte und in einzelnen Gebieten sogar der Westtechnik voraus war. Es ist ein besonderes Stück Industriegeschichte, welche den Wert besitzt, am Ort ihrer Geschichte, den Menschen vermittelt zu werden.  Hier fehlt in Dresden noch ein würdiger Platz für ein Teil Dresdner Geschichte, die bisher doch sehr ausgeprägt dem Barock unterworfen ist und regelrecht vernachlässigt wird. Gerade in der Zeit rücklaufender Touristenzahlen wären neue Gebiete die Chance auf ein breiteres und weltoffeneres Dresden.

Die Architektur der Betriebskantine hat im sächsischen Raum inzwischen an Seltenheit gewonnen. Die Formensprache hebt sich deutlich von den weiteren Einheitsbauwerken der DDR aus jenen Jahren ab. Auf Grund der besonderen Bedeutung des Robotron-Areals für die staatliche Wirtschaftsleitung sollten auch die Gebäude eine besondere neu denkende Architektur erhalten. Als freistehender Pavillon bildet das Bauwerk eine harmonische Symbiose mit dem angrenzenden Park und zeigt doch die äußere Verbundenheit zu den weiteren Bauwerken des Areals. Die verwendeten Materialien sowie die vorhandene Kunst am Bau zeugen von der angestrebten Hochwertigkeit. Die Mikroelektronik braucht keine korintichen Säulen und Mansardendächer, sie muss funktionieren und bis in den Nanometerbereich von Perfektion durchdrungen sein, dieses Bild spiegelt auch die Architektur wider. Die Kantine wäre damit ein  wunderbar geeigneter Standort für moderne Kunst und sowie als Zentrum für die eigene neuere Geschichte nach dem Jahr 1945. So wäre doch dieser vollendete Bau der Betriebskantine der ideale Standort. Ein Kontrastpunkt zu den Barockzeilen der Altstadt. Die Erweiterung des touristischen Selbstverständnisses. So ist Dresden mehr als die Frauenkirche und der Zwinger, es ist ein Musterbuch der Ostmoderne und Leuchtturm der deutschen Industriegeschichte. Die Betriebskantine wäre ein perfektes Bauwerk, um diese Gesichtspunkte in die Welt zu bringen. Kultur und urbanes Leben in den Wänden der eigenen Geschichte. 

von Basti Dämmler
INDUSTRIE.KULTUR.OST


Unsere Vision von der Kultur-Kantine ROBOTRON


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Aufruf zur Robotron-Kultur-Kantine
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Fotoaufnahmen 10.2016


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