BAUJAHR: 1844
ANGESTELLTE: -
LIQUIDATION: 1930

Wenn ein Name fast schon stellvertretend für Chemnitz steht, dann ist es wohl Richard Hartmann. Ein Name, der jeden Sachsen und Industriehistoriker wie Melodie in den Ohren klingt. Was für den Ruhrpott Krupp und Thyssen waren, das war für Chemnitz Hartmann. 

Im Jahr 1832 kommt der junge Zeugschmied Richard Hartmann nach langer Gesellenwanderung aus dem elsässischen Barr in der jungen Industriestadt Chemnitz an. Er wird auf dieser Station seiner Reise sich niederlassen und die Stadt im Herzen von Sachsen für immer prägen. Als Geselle findet er hier eine Anstellung in der Maschinenfabrik von Carl Gottlieb Haubold, die erste Maschinenfabrik der Stadt. Nur 5 Jahre später verlässt er als Meister das Unternehmen Haubold und übernimmt mit Franz C. Illing eine kleine Maschinenbauwerkstatt von Friedrich A. Schubert vor den Toren der Stadt. Anfänglich konzentriert sich das junge Unternehmen auf die Reparatur von Baumwollspinnmaschinen, doch nebenher beginnt man schon langsam die ersten eigenen Spinnmaschinen zu fertigen. Dazu erwirbt Hartmann 1839 das Patent für eine Streichgarn-Vorspinnmaschine, dieses Patent sollte die Grundlage für den kommenden Erfolg des Unternehmens bilden. Im selben Jahr trennt sich Franz Illing von Richard Hartmann und der Kaufmann August Götze wird neuer Gesellschafter im Unternehmen. Ab 1840 baut man das Unternehmen aus, neben den Spinnmaschinen fertigt man nun auch erste Dampfmaschinen unter eigenem Namen. Nur 3 Jahren nach der Vereinigung trennen sich Götze und Hartmann wieder und der geschickte Unternehmer Richard Hartmann führt nun alleine seine Maschinenfabrik fort. Sein Ziel ist die stetige Expansion. 1844 verlagert er dazu den Firmensitz endgültig an den Fluss Chemnitz nahe dem Zentrum und treibt den Erfolg des Unternehmens weiter voran. 

Hauptverwaltung der Hartmann-Werke (Baujahr 1896)
Hauptverwaltung der Hartmann-Werke (Baujahr 1896)

1848 beginnt dann bei Hartmann ein neues Zeitalter. Als einer der Ersten baut er die erste Lokomotive aus Chemnitz und erhält mit der Königlich Sächsischen Staatseisenbahn gleich einen großen Kunden für sein neues Produkt. Das Werk selbst erhält in dieser Zeit eine eigene Gießerei und Schmiede, es wächst damit immer mehr aus seinen Grenzen und gehört  nach diesen Ausbau zu den größten Arbeitgebern in Chemnitz.

Ab 1855 baut man das Portfolio weiter aus, die Kunden können nun auch Bergwerksmaschinen, Mühleneinrichtungen und Wasserturbinen aus der "Sächsischen Maschinenfabrik R.Hartmann" beziehen. Nur zwei Jahre später begründet Hartmann die vierte große Produktionslinie und etabliert den Werkzeugmaschinenbau in seinem Unternehmen. Auch in diesem Bereich war er einer der ersten in der Region und passte sich so einer steigenden Nachfrage an. Ein enormer Rückschlag für das Unternehmen war ein Großband im Jahr 1860, welcher beachtliche Teile des 3 ha großen Fabrikkomplexes vernichtete. Doch was Hartmann auszeichnete, dass war sein bedingungsloser  Unternehmerwille. Schnell ließ er die zerstörten Anlagen wieder aufbauen und blickt zielstrebig nach vorne. 1864 kann die bereits 200. Lokomotive aus dem Hause "Hartmann" fertig gestellt werden. Die Maschinenfabrik Richard Hartmann ist damit in dieser Zeit zweifelsohne die größte Maschinenfabrik in Sachsen und der Firmengründer selbst erhält den Beinamen "Lokomotivenkönig". In der selben Zeit beschäftigt aber auch ein verbissener Streit zweier Industriebarone die Stadt Chemnitz. Die Hartmann-Werke besaßen als Lokomotivenproduzent keinen eigenen Gleisanschluss an das Werk. Um diesen zu erlangen, hätte man Gleise über das Areal der Webstuhlfabrik Louis Schönherr, ebenfalls ein großes Unternehmen im Norden der Stadt, führen müssen. Schönherr stellt sich allerdings quer und zieht damit den Zorn von Richard Hartmann auf sich, es kommt zu Streit (der sogenannte "Chemnitzer Eisenbahnerkrieg") der beiden, in dem juristisch Louis Schönherr den Sieg davon trägt. Erst nach dem Tod beider Unternehmer erlangen die Hartmann-Werke im Jahr 1908 einen eigenen Gleisanschluss. 

Um sein Erbe bedacht, wandelt Richard Hartmann das Unternehmen 1869 in eine Aktiengesellschaft um. In der neuen "Sächsischen Maschinenfabrik AG" bleibt er bis zu seinem Tode 1878 der Vorsitzender des Verwaltungsrates. Doch mit seinem Tod verschwindet in Chemnitz eine eindrucksvolle Persönlichkeit des Industriezeitalters und das Unternehmen musste nun beweißen, dass es auch alleine bestehen kann. Es entstanden neue Standorte, so wurde beispielsweise der Spinnereimaschinenbau in ein neues Werk in Altchemnitz ausgelagert. Im Jahr 1894 verläßt die 2000. Lokomotive die Werkstore der Hartmann-Werke, 1918 sollte es im Zuge der deutschen Aufrüstung bereits die 4000. Lokomotive sein. 

Mit dem Ende des Ersten Weltkrieges und der Rüstungsproduktion steuerte das Unternehmen in ein ungewisses Fahrwasser. 1924 wird die Sächsische Staatseisenbahn, bisher Großkunde, aufgelöst und die Deutsche Reichsbahn gegründet. Die Reichsbahn bevorzugt nun preußische Lokomotivhersteller und die Lokomotivabteilung von Hartmann kommt in die roten Zahlen. Es bricht damit der wichtigste Wirtschaftszweig des Unternehmen komplett weg. Zudem muss im Jahr 1926 die Werkzeugmaschinenabteilung abgestoßen werden, der Dampfmaschinen- und der Lokomotivbau werden 1928 verkauft. Das Unternehmen verliert so nach und nach sein Gesicht, die große Ära der Sächsischen Maschinenfabrik beginnt sich langsam dem Ende anzunähern. Es ist das leise Sterben einer Legende. 1930 wird die Aktiengesellschaft endgültig liquidiert, einzig die letzte Sparte des Textilmaschinenbaues kann aus dem Unternehmen gerettet werden und als neue "Sächsische Textilmaschinenfabrik vorm. Richard Hartmann AG" fortgeführt werden. Das neue Unternehmen wird nun komplett in das Zweigwerk im Stadtteil Altchemnitz verlagert. Das Stammwerk wird  damit komplett aufgeben. 

Viel ist heute vom alten Stammwerk der Hartmann-Werke nicht geblieben. Eine kleine Sheddachhalle an der Chemnitz ist der letzte Zeuge aus dem weitläufigen Fabrikkomplex eines ehemaligen Weltunternehmens aus Chemnitz. Einzig die 1896 erbaute Hauptverwaltung an der heutigen Hartmannstraße, welche seit 1931 Sitz der Polizeidirektion ist, demonstriert noch etwas von der ehemaligen Größe dieses Unternehmes und der enormen Schaffenskraft einer der größten sächsischen Industriebarone. Richard Hartmann hat mit seinem Wirken die Industriestadt Chemnitz bis in unsere heutige Zeit geprägt, der Aufstieg und Fall seines Konzernes zeigt beispielhaft die Wechselwirkungen des Industriezeitalters in Sachsen.

Auch wenn die Hartmann-Werke schon lange Geschichte sind, so ist der Geist des Zeugschmiedes Richard Hartmann noch an vielen Ecken der Stadt spürbar.


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