Kaum eine Epoche hat unsere heutige Gesellschaft so geprägt, wie die Industrialisierung. Seit Mitte des 18. Jahrhunderts lösen Fabriken mit ihrer Massenproduktfertigung die vorhandene  Manufakturproduktion ab und wandeln die Gesellschaft in eine neue Konsumgesellschaft um. Über 200 Jahre entstehen in Ostdeutschland Zentren der Textilindustrie, Chemieindustrie, des Maschinenbaues und des Fahrzeugbaues. Von der Oberlausitz über das Erzgebirge bis in die Magdeburger Börde wächst eine Industrielandschaft, welche in Europa einen Seltenheitswert hat. Innovative internationale Unternehmen in Harmonie mit einer beeindruckenden deutschen Industriearchitektur. So sind es Namen dieser Ära, wie die Bleichert-Werke-Leipzig, Gruson-Magdeburg, Horch-Zwickau oder Hartmann-Chemnitz, welche noch heute einen gewissen Gänsehautfaktor hervor rufen.

 

Die deutsche Wiedervereinigung und der Versuch das ehemalige DDR-Wirtschaftssystem in die Marktwirtschaft zu überführen, zudem eine fehlerhafte Politik und eine beispiellos misslunge Treuhand-Anstalt, bedeuten für unzählige Industriestätten und -traditionen in Ostdeutschland das ende. In tausenden Fabriken geht in dieser Zeit für immer das Licht aus und über 2 Millionen Bürger verlieren ihre Lebensgrundlage innerhalb von wenigen Monaten. Ein enormes Industriekapital wird vernichtet und komplette Landstriche zwischen Fichtelberg und Rügen erfahren eine konsequente Deindustrialisierung. Aus den ehemaligen "Palästen der Arbeit" werden Ruinen am Straßenrand der Städte und Gemeinden.

Die Folge dieser wenigen Jahre ist aus heutiger Sicht ein sehr hoher Bestand an Industrieruinen auf dem Gebiet der ehemaligen DDR. Die ehemaligen Großunternehmen sind aus der Gesellschaft verschwunden. Einzig ihre früheren Fabriken an den Straßenrändern zeugen mit ihrer beeindruckenden Architektur vom alten Glanz und dem Fortschritt einer vergangenen Ära. Sie sind, wie die aussterbenden Dinosaurier nach dem großen Urknall, in ihrem Bestand und ihrer historischen Bedeutung besonders erhaltenswert, doch durch EU-Gesetze und einem wilden Abrisswahn verschwinden sie immer mehr aus dem Bild der Städte in Ostdeutschland, obwohl sie doch einst zum Aufschwung und dem heutigen Wohlstand der Menschen beigetragen haben.


Hier knüpft das Projekt „Industrie.Kultur.Ost“ an. Ziel ist die Schaffung eines fotografischen Onlinearchives von Fabrikruinen auf dem Gebiet der ehemaligen DDR, welche schon lange aus den Gewerberegistern der Städte verschwunden sind. Zu der Aufarbeitung gehört das Darstellen ihrer Geschichte, von den Anfängen bis zum bitteren Ende der Betriebe. So steht einerseits der industrielle Verfall als Dokumentation im Vordergrund, auf der anderen Seite aber besonders die aussergewöhnliche Architektur jeder einzelnen Fabrik, um diese für die Nachwelt auf Bildern zu erhalten.

Neben der grundlegenden archivarischen Arbeit soll das Projekt den Begriff „Industriekultur“ und die Auswirkung auf die heutige Gesellschaft sowie historische Zusammenhänge den Menschen näher bringen, um ein neues Bewusstsein über unsere industriellen Kulturgüter und unser Erbe an die Nachwelt wieder präsent zu halten.

Parallel zur Domaine „www.industrie-kultur-ost.de“ entsteht als Social-Interface eine Facebook-Seite, auf welcher Hintergrundinformationen, Bilder und eine stetige Kommunikation mit Interessierten zu finden sein werden, so wie eine Präsenz auf der Fotoplattform „Flickr“. Ein großes Stück ostdeutscher Geschichte, bisher noch nicht historisch aufgearbeitet, wird damit die Chance gegeben aus den staubigen Büchern zu kommen und jeden, der sich dafür interessiert, auf eine Zeitreise mitzunehmen, in eine vergangene und fast vergessene Ära.